Ess-periment

Ich hatte Euch ja versprochen hier auch immer wieder mal über Rezepte zu sprechen. Nun ja, heute habe ich in der Rubrik Rezepte eine „Grüne Basis-Suppe“ eingestellt, die mit zahlreichen Variationsmöglichkeiten abgeändert werden kann.

Zu finden ist das genaue Rezept, mit Mengenangaben – für extra nur einen Teller – in der Menüleiste „Rezepte“.

Eines meiner viel zitierten Mottos lautet: „If you wanne know the things, you have to try them!“

So gab es also heute ein Ess-periment.

Einer meiner größten Fehler die ich beim Essen mache ist, dass ich einfach viel zu große Portionen mit viel zu wenigen Bissen in mich hinein schlinge. Ich bin ausnahmslos immer der Erste, der mit dem Essen fertig ist. Wir hatten früher, als ich noch klein war, in der Familie immer einen Spruch:

Kaiser, König, Edelmann, Bürger, Bauer, Bettelmann, Schuster, Schreiner, Leineweber und zuletzt der Totengräber!

Dieser Spruch diente der Verteilung der Titel, die in der Reihenfolge verteilt wurden, wie man es schaffte, seinen Teller ratzeputz leer gegessen zu haben. Ein Geschwindigkeitsspiel für kleine Kinder, damit sie schneller aufessen.

Ich stelle gerade die Pädagogik dabei in Frage und mir wird in diesem Moment bewusst, welche Auswirkungen das haben kann. Sicherlich spielten wir das Spiel nicht bei jeder Mahlzeit, aber wenn die Verwandtschaft zu Besuch war und wir 5 Kinder wie die Orgelpfeifen am Tisch vor unseren Tellern waren, wollte keiner der Letzte sein. Als Totengräber wird man verspottet und man gilt als Versager. Wer will das schon?

Gut, heute bin ich 50 Jahre alt und man könnte meinen, ich müsste mit wachen Verstand durchs Leben gehen. Aber mal ganz ehrlich, wie viele Gewohnheiten und Verhaltensmuster aus der Kindheit sind so stark in Fleisch und Blut übergegangen, dass man sie brav als Marotte weiter zelebriert? Sicherlich völlig unbewusst, denn wenn solch ein Verhalten kaum auffällt und man damit niemanden Schadet, bemerkt es auch kaum jemand. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass Mitmenschen am Tisch selten darauf achten, wie schnell die Person ihm gegenüber isst. Und wenn so etwas auffällt, wieviel Ehrlichkeit und Mut stecken dann in einem, um das Verhaltensmuster anzusprechen?

„Hey Schatz, ich sehe es scheint dir zu schmecken! Findest du aber nicht, du isst viel zu schnell?“, oder: „Tadaa, herzlichen Glückwunsch! Du bist ja schon wieder der Sieger des Festmahles! Da hast du aber ganz schön Gas gegeben!“

Mit solch einer Verhaltenskonfrontation in großer Runde bin ich mir sicher, hätte ich bestimmt viel früher darauf geachtet, schön langsam und dann auch „genüsslich“ zu essen. Halten wir uns doch einmal kurz vor Augen, was in uns passiert, wenn wir das Essen nicht richtig kauen und viel zu schnell hinunter schlingen.

Als Faustregel hat sich durchgesetzt, dass man jeden Bissen mindestens 20 mal kauen sollte. Hierbei wird der Speisebrei nicht nur gut zerkleinert, sondern auch ordentlich eingespeichelt. Sämtliche Bestandteile werden durch das Kauen über alle Regionen der Zunge bewegt. Die Geschmacksnerven und -rezeptoren liegen an mehreren Stellen der Zunge. Nur ausreichendes Kauen und hin und her bewegen des Speisebreis ermöglicht die volle Ausschöpfung der Geschmacksvariationen der Nahrung.

Die Enzyme im Speichel töten die ersten Bakterien ab und leiten die Vorverdauung ein. Der Speisebrei erhält dadurch eine perfekte Konsistenz. Angereichert mit genügend Speichelflüssigkeit ist die Nahrung bereit, durch die Peristaltik der Speiseröhre ohne Hindernisse den Weg in den Magen zu schaffen, ohne irgendwo in der engen Röhre hängen zu bleiben.

Der Magen wird entlastet und die Verdauung fällt viel leichter, da die Konsistenz der Nahrung viel besser verarbeitet und aufgespaltet werden kann.

Mein heutiges „Ess-periment“ bestand also aus folgenden zwei Übungen:

Ich wollte auf Grund meins Überschätzens von Portionsgrößen ausprobieren, eine Mahlzeit zu kochen, die nicht mehr als einen Teller Suppe ergibt. Gerade recht um mich, und zwar nur mich satt zu machen. Die zweite Übung bestand darin, laaaaaaaaaaaaangsaaaaaaaam zu essen. Mir 30 Minuten Zeit für den einen Teller Suppe zu nehmen. Den Teller habe ich übrigens durch eine Suppentasse ersetzt, da geht noch weniger rein. Am Ende, als die Suppe fertig war, waren es genau 350 ml pürierte Suppe. (Siehe Bild)

Ich nahm mir also heute wirklich einmal Zeit zum Essen! Damit ich mich nicht selbst beschummeln konnte, habe ich meinen Timer im Handy auf exakt 30 Minuten eingestellt. Ich nahm meine Tasse Suppe am Henkel und den Löffel in die andere Hand. Dann versuchte ich in Slow Motion die Tasse Suppe mit allen Sinnen zu erfassen. Die Temperatur, das Gewicht, den Duft und das Aussehen ….

Dann rührte ich vorsichtig den Löffel in der Tasse hin und her, und beobachtete die kleinen Dampfwölkchen, die durch die Drehbewegung wie in einer Säule aus der Suppe aufstiegen und einen herrlichen Geruch von frischem Gemüse und Gewürzen verteilten.

Vorsichtig führte ich einen Löffel mit der grünen Suppe, der jedoch nur zu einem viertel gefüllt und aus der Mitte der Tasse geschöpft war, in Richtung meiner Lippen. Der Speichel begann schon in meinem Mund zu fließen, als ich noch beim wittern des Geruchs zu Gange war. Sanft pustete ich etwas Luft aus meinem Mund über den nahenden Löffel voll Suppenglücks.

Ich zwang mich alles in absoluter Langsamkeit zu verrichten, denn Aufgabe war es ja, mindestens eine halbe Stunde mit der Suppe zu verbringen, bevor ich die Tasse leer auf den Tisch zurück stellen würde.

Dann kam der Augenblick! Wie ein langersehntes Ereignis berührte der Löffel mit der heißen Belohnung meine Lippen und gleitete tiefer in die halbgeöffnete Mundhöhle hinein. Die Lippen schlossen sich und streiften beim herausziehen des Bestecks dessen Inhalt vom Metall ab.

Ich schwöre ich habe es leise zischen hören, als die Suppe sich um meine Zunge legte, wie die Anbrandung einer seichten Welle um einen Felsen am Ufer. Sofort begannen die Rezeptoren auf der Zunge die Moleküle der Inhaltsstoffe zu filtrieren, damit sich der Geschmack wie eine Botschaft durch die Nervenbahnen den Weg bis hinauf in das Gehirn schlängelten.

Wie Sterne aus verpuffenden Silvesterraketen ploppten die Geschmacksvariationsmoleküle vor meinem inneren Auge auf. Da waren Spuren vom cremigen, leicht bitterem Spinat, die Sanftheit und Frische der Salatgurke, leicht erdig mehlige Sämigkeit von der Kartoffel. Durchflutet durch den Geschmack vom salzwürzigen Touch der Gemüsebrühe.

Alles in Allem ein Gaumenschmaus, den ich wie in Trance in mich einsog und durch langsames Kauen und umspülen des Breies über die Zunge versuchte, so lang und intensiv wie möglich auszukosten. Mit leicht beseeltem Blick und voller Lust erschienen plötzlich Bilder von Feldern und Äckern, von Marktständen und sonnendurchflutetem Wetter vor meinem Auge und ich stellte mir vor, wo und wie das Gemüse aufgewachsen und geerntet wurde. Ich konnte förmlich den Marktverkäufer sehen, wie er mir lächelnd das Gemüse über den voll gedeckten Markttisch herüberreichte.

Ich sah mich am Herd stehen und mit dem Kochlöffel die Zutaten in der Suppe vermengen. All das in einem einzigen Bissen. Obwohl es durch das Pürieren nichts mehr zu kauen gab, versuchte ich trotzdem den Brei immer wieder zu zerkleinern. Kleine, winzige Ministückchen rollten über meine Zähne bildeten einen leichten Widerstand, den es durch das Zubeißen der Zähne zu zerdrücken galt, damit auch das letzte Quäntchen Geschmack aus der Nahrung gelockt wird.

Bissen für Bissen, Löffel für Löffel aß ich meditierend meine Suppe, als wäre es die allererste Suppe, die ich je in meinem Leben gegessen habe.

Nach gefühlten 18 Stunden, die leider nur 18 Minuten waren, hatte ich die gesamte Menge von 350 ml Suppe verspiesen. Ich kratzte in altbekannter Manier mit dem Löffel das Innere der Suppentasse heraus und war immer noch beseelt vom Erlebnis mit der Suppe.

Eines habe ich heute begriffen: Langsames Essen, häufiges Kauen und den Geschmack der Speisen mit allen Sinnen zu erforschen, ist eine absolute Bereicherung im Leben. Wie oft habe ich das Essen einfach nur so hinunter geschlungen und mich weder um Geschmack, noch um den Sinn des Essens gekümmert.

Ich konnte nach 18 Minuten eine Sättigung im Magen verspüren, die von einem wolligem und wohltuenden Gefühl der Zufriedenheit begleitet wurde. Und soll ich Euch was sagen?

Es fühlt sich sau gut an!

Bis zum nächsten Bericht, bleibt bei mir und begleitet mich auch weiterhin auf dieser Reise!

Euer Stephan

Autor: Die Anonymen Ukuleliker

Hallo, wir sind die Kultband aus Berlin!

4 Kommentare zu „Ess-periment“

  1. Die Darstellung desEssens Deiner Suppe ist Literaturnobellpreisverdächtig. Hat mir völlig neue Perspektiven eröffnet. Ganz grosse Klasse! Es wird einem beim Essen gar nicht so bewusst, wie man das genießen kann- in dieser hektischen Zeit! Das ist der richtige Weg ! Gratuliere! Ich wünsche Dir noch viele solcher Erlebnisse! Ganz liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

  2. hallo Stephan, zuerst ein ganz dickes Kompliment für deinen Blog, der zweifellos rhetorisch und visuell kaum zu überbieten ist. Dich würde ich sofort zum einem digitalen Verkaufsleiter engagieren.

    Nachdem ich dein weihevolles Zelebrieren einer Gemüsesuppe gedanklich miterlebte (es war nicht ganz einfach bei meiner Ungeduld) kann ich nur feststellen:
    Es ist eine Wohltat, wenn Menschen sorgfältig mit ihrer Muttersprache umgehen. Wenn sie durch deren Vielfalt wandern und nach guten, nicht verletzenden, treffenden Worten suchen, um aus den reichen Quellen der Sprache wohlwollend zu schöpfen, um Mitmenschen damit zu beglücken, zu erfreuen, Mut zu machen, zu trösten, zuzureden, abzuraten und zu bereichern.

    Alles Gute für dein Vorhaben.
    Wolfgang

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Wolfgang,

      hab 1000 Dank für deine aufmunternden und lieben Worte.
      In der Tat spiele ich gern mit Worten und versuche dem Leser meine Gedanken und Informationen so zu präsentieren, dass er sich wirklich mitgenommen fühlt.
      So sei also gespannt auf neue und weitere Berichte meiner Reise, einer Reise mit einer Wunderwaffe des 20. Jahrhunderts.
      Hoffentlich kann mit dieser Waffe umgehen und meinen Kampf gegen Kilos und Kalorien am Ende gewinnen.
      Es wird eine Reise, die mehr als ein Jahr dauern wird!
      Mut macht mir das Wissen, dass Ihr lieben Leser mich dabei begleitet und mich mental unterstützt.
      Habt 1000 Dank dafür!

      Euer Stephan

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